Künstliche Intelligenz in der Kunst

Intelligenz (von lateinisch intellegere „erkennen“, „einsehen“; „verstehen“; wörtlich „wählen zwischen …“ von lateinisch inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“) ist die kognitive bzw. geistige Leistungsfähigkeit zur logischen, sprachlichen, mathematischen oder sinnbezogenen Problemlösung. Weder Computerprogramme noch andere Werkzeuge verfügen über geistige Fähigkeiten. Insofern ist bereits der Begriff Künstliche Intelligenz irreführend.

Nichtsdestotrotz ist dieser Begriff derzeit in aller Munde, auch wenn den Nutzern selten klar ist, dass es sich hierbei um einen Euphemismus handelt, der im reinen Marketing-Sprech zum Zwecke der wundersamen Geldvermehrung bewusst den falschen Eindruck erwecken soll, es handele sich um wirkliche Intelligenz. Bei Lichte betrachtet kann man hier eher davon sprechen, dass die Leistungen entsprechender Computerprogramme hinsichtlich ihrer Möglichkeiten zur Problembetrachtung und Auswertung von Lösungsalternativen den unbedarften, sprich unwissenden, Anwender an Magie erinnern, die scheinbar aus dem Nichts etwas Reales entstehen lässt (creatio ex nihilo).

Das dritte der von Arthur C. Clarke formulierten Clarkeschen Gesetze besagt:

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Dieser Glaube an die Fähigkeit zur magischen Erschaffung von Realem erinnert ein wenig an die wundersame Welt von Kindern, in der rosa Einhörner und Feen sowie sprechende Tiere und Pflanzen die Welt bestimmen und verändern … mit Wirkungen in die sogenannte Realität hinein. Diese Art von Magie ist völlig in Ordnung und kann, sofern nicht bereits grundsätzlich missverstanden, durchaus eine immense Hilfe bei der Lösung von Aufgaben sein, mithin ein Werkzeug.

Beim Rubber duck debugging zum Beispiel spricht man mit einer Gummiente, um auf diese Weise ein Problem zu visualisieren, zu erklären und zu lösen, ohne jedoch auf die Idee zu kommen, die Gummiente wäre der Problemlöser und verfüge über Intelligenz.

Ein Hammer kommt nicht von allein auf die Idee, sich irgendwo einen geeigneten Nagel zu suchen, um ein vom ihm ausgewähltes Bild an einer ihm passend erscheinenden Stelle einer Wohnzimmerwand zu platzieren. Ebenso wenig sucht ein Pinsel einen Laden für Künstlerbedarf auf, um passende Utensilien wie Leinwand und Farbe zu kaufen, weil er die letzte Nacht mit der Vision eines schönen Gemäldes verbrachte, die ihn inspirierte, dieses Gemälde nun endlich auf die Leinwand zu bringen, um es der geneigten Öffentlichkeit als Kunst zu präsentieren.

Das weiß im Grunde jeder; interessanterweise auch derjenige, der andererseits daran glaubt, mit Künstlicher Intelligenz könne man, dass heißt er und/oder jeder andere – quasi aus dem Nichts – zum Beispiel Kunst erschaffen (lassen).

Kunst ist die schöpferische Gestaltung der Wahrnehmung von Mustern der Realität durch autonome, selbstreflexive Ästhetisierung in einem nicht-instrumentellen Rahmen – unter Einsatz von Mitteln, deren Eigenschaften weder den ursprünglichen noch den erzeugten Mustern inhärent sind –, zur Offenlegung der Emergenz der Natur und zur Entstehung individuellen Sinns beim Betrachter als Einladung zur gemeinsamen Realitätsgestaltung.

Kein Werkzeug verfügt über Bewusstsein, weshalb kein Werkzeug fähig ist zur autonomen, selbstreflexiven Ästhetisierung der Realität in einem nicht-instrumentellen Rahmen. Werkzeuge können nur scheinbar etwas selbst erschaffen. Aber am Anfang jedes Schaffensprozesses stehen geistige Entscheidungen auf der Grundlage kognitiver Prozesse und am Ende bedarf es der Wahrnehmung des Erschaffenen auf der Grundlage von Bewusstsein. Ästhetisierung ist ein subjektiver Prozess und ein Werkzeug ist Objekt und nicht Subjekt. Und hier nähern wir uns wieder der kindlichen Magie: wir subjektivieren Werkzeuge (Objekte), wissen im Grunde unseres Herzens aber genau, dass sie Objekt sind und nicht Subjekt.

Dieses Wissen bewahrt uns vor dem Irrtum, Objekte könnten Kunst schaffen ohne Subjekt. Insofern ist es absolut in Ordnung, mit sogenannter künstlicher Intelligenz herumzuexperimentieren, bis die Festplatte explodiert. Aber egal, was damit erschaffen wird, es ist niemals unabhängig von der Eingabe von Befehlen. Selbst scheinbar selbständig arbeitende Programme bedürfen irgendeiner Eingabe durch ein Subjekt.

Aus diesen Gründen bezeichne ich Künstliche Intelligenz richtigerweise als INTELLIGENZSIMULATION oder ARTIFICIAL INTELLIGENCE SIMULATION (AIS).

Weiterhin interessant bei der Beobachtung dieser Vorgänge und Irrtümer ist ein zweites Phänomen: unbedarfte Rezipienten von Kunst, die mithilfe Intelligenzsimulationen erschaffen wurde, verfallen – im Widerspruch zum gleichzeitigen Wunderglauben – oft in eine abwertende Haltung gegenüber dieser Kunst frei nach dem Motto: Ach so, das hat ja (nur) künstliche Intelligenz gemacht. Hier kehrt sich das Unwissen in sein Gegenteil: der Beitrag der Künstler wird aus der Betrachtung ausgenommen und (auch hier wieder irrtümlich) angenommen, das könne quasi jeder, weshalb es auf eine gewisse Weise bedeutungslos sei.

Nur weil ein Programm, welches zu Intelligenzsimulationen fähig ist, auf eine Eingabe reagiert, bedeutet das einerseits nicht zwangsläufig, dass das Ergebnis automatisch und deshalb auch gut oder sogar Kunst ist oder dass es sich im Gegenteil nicht um Kunst handeln könne. Wenn man einen Pinsel halten kann, bedeutet das ja auch nicht zwangsläufig, der Pinselhalter müsse Maler oder gar Künstler sein. Andererseits schließt die Verwendung von Arbeitsmitteln nicht deshalb die Vermutung aus, hier seien Künstler am Werk. Wir sehen, die Analogien ähneln sich. Die Wissenschaften verwenden diese Formen der Arbeitshilfen heute bereits erfolgreich … ohne deshalb den Eindruck zu erwecken, es würde sich nicht mehr um Wissenschaft handeln oder die Werkzeuge würden Wissenschaft betreiben.

Außerhalb dieser Betrachtungen ist jedoch eines festzustellen: Intelligenzsimulationen können Menschen mit körperlichen Einschränkungen immens helfen. Stellen wir uns zum Beispiel einen Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) wie Stephen Hawking vor. Dieser konnte nur noch mittels Sprachcomputer kommunizieren – ohne dass man seinem Computer im Übrigen eine wie auch immer geartete Intelligenz bescheinigte und annahm, er stecke in Wahrheit hinter Hawkings Theorien über Zeit und Raum. Ein Mensch mit einer solchen Krankheit hätte vor Jahren noch so viele künstlerische Visionen haben können, ohne jede Möglichkeit, diese technisch in die Realität anderer übersetzen zu können. Hier können Intelligenzsimulationen inklusiv wirken und werden wohl in der Zukunft Menschen ohne spezielle Fähigkeiten erlauben, Kunst zu schaffen.

Und ja, auch diese Intelligenzsimulationen können missbraucht werden … wie jeder Hammer, mit dem man auch Menschen erschlagen kann. Aber: das Werkzeug ist niemals Ursache seines Missbrauchs. Auch Missbrauch ist ein Vorgang, der in der Konsequenz eines Subjektes bedarf, um objektiv wirken zu können.